Stolz und Vorurteil

Impuls des Monats

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Oder: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst 

Ich gebe zu, dass „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ in uns schon eine ganze Menge Bilder davon aufkommen lässt, wer alles unser Nächster ist. Situationen, in denen es jemandem wesentlich schlechter geht als uns, dem wir helfen können. Oder könnten. Oder sollten? 

Jesus wurde, wie so häufig, von einem Gelehrten herausgefordert und gefragt, wie man/frau denn ewiges Leben erlangen könnte. Jesus sagt, na, so wie es halt schon im Gesetz steht. Der Gelehrte zitiert also: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, deinen Nächsten wie dich selbst. [...] Aber wer ist denn mein Nächster?«.  Und Jesus erzählt ein Gleichnis, eine Beispielgeschichte, in der drei Männer an einem Überfallenen vorbeikommen und der unwahrscheinlichste von ihnen als einziger Hilfe bietet und das sogar mehr, als man überhaupt in dieser Situation von Fremden erwarten könnte. Und Jesus fragt „Wer war für den Überfallenen der Nächste?“

Die Antwort ist logisch. Aber die Frage ist interessant. Er fragt nicht, wen der Helfende als „Nächsten“ gesehen hat. Er fragt, wer dem Überfallenden der Nächste war. Manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Wem also können wir der/die Nächste sein?

Und was hat das mit Stolz und Vorurteil zu tun? Eine ganze Menge aus meiner Sicht. Denn in meinen Augen sind Stolz und Vorurteile das, was (m)einer ehrlichen Antwort auf die Frage von Jesus am meisten im Weg stehen. Wessen Situation und wessen Position kann ich verbessern, wenn ich meinen Stolz mal gepflegt beiseitelasse? Welche Vorurteile halten mich davon ab jemandes „Nächste(r)“ zu sein?

Wieder einmal bin ich überrascht, wie aktuell Jesus zu jeder Zeit ist, denn mir fallen dazu eine ganze Menge Beispiele ein, von (Alltags-)Rassismus über Ausgrenzung jeder Art und, eins meiner momentanen Lieblingsthemen, Gleichberechtigung!

Wir neigen dazu andere klein zu machen, Leistungen und Fähigkeiten von anderen nicht anzuerkennen. Warum verwende ich so viel Energie darauf mich selbst besser zu machen, indem ich andere kritisiere und herabwürdige?  Andere groß sein zu lassen, macht mich selber nicht kleiner.

Also, lieber Stolz und liebes Vorurteil, ab zurück ins 19. Jahrhundert, wo Jane Austen euch wunderbar eingesetzt hat. Und für mich heißt es jetzt (und ich finde, dabei darf jedes Wort betont werden):

„Liebe deinen nächsten wie dich selbst“! (3. Mose 19,18)